Persönliche Kolumne von Hamid Mohammadi · Folge 1
Ihr kennt mich mit Stoffen in der Hand. Ich zeige euch eine Kapuze oder erkläre einen Schnitt. Ich erzähle davon, wie ich die Form einer Lotusblume in eine Kapuze übersetze. Wie ihre Blätter sich entfalten und der Stoff daraus eine Form bekommt, die euch umhüllt.
Solche Gedanken gehören zu meiner täglichen Arbeit. Ich liebe sie. Heute möchte ich euch auch von den Gedanken erzählen, die mich beschäftigen, wenn die Arbeit getan ist.

Ich mache mir Sorgen über Macht und Geld. Über unsere Freiheit. Und darüber, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen.
Vielleicht denkt ihr, Hamid, bleib bei deinen Kleidern.
Aber diese Gedanken gehören zu dem Menschen, der diese Kleider entwirft.
Freiheit ist für mich persönlich
Ich bin im Iran geboren. Ich habe mein Land verlassen und in Berlin ein Zuhause gefunden.
Wenn ich über Freiheit spreche, denke ich an Lebensentscheidungen. Wo kann ich leben? Was darf ich sagen? Welchen Weg kann ich gehen?
Ich habe hier mein Abitur nachgemacht und Kunststofftechnik studiert. Nach meinem Abschluss schickte ich meinem Vater ein Foto meines Zeugnisses. Für mich war damit eine Verpflichtung erfüllt. Jetzt wollte ich meinen eigenen Weg gehen.
Ich nahm meinen Rucksack und reiste nach Indien. Ich wollte die Welt entdecken. Und Mode machen.
Mein eigenes Brot
Mein Großvater hatte mir einen Gedanken mitgegeben. Wenn du dein eigenes Brot verdienst und auf eigenen Beinen stehst, kannst du unabhängig sein.
Dieser Gedanke steckt für mich im Namen Chapati. Brot. Mit meinen Entwürfen mein Brot verdienen. Eigene Entscheidungen treffen und meine Würde bewahren.
Als ich Chapati eine Sonne gab, gehörte auch die Sehnsucht nach Wärme zwischen Menschen dazu.
Heute erlebe ich diese Wärme in Begegnungen mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern. Wir sprechen über Kleidung und plötzlich über das Leben. Dabei erzählen wir von unseren Kindern und von dem Gefühl, dass sich etwas verändert.
Wer sitzt eigentlich im Cockpit?
Auf Reisen habe ich Orte erlebt, an denen mich der Luxus beeindruckt und zugleich bedrückt hat. Alles funktionierte. Alles glänzte. Trotzdem fühlte es sich für mich manchmal an wie ein goldener Käfig.
Daraus entstand ein Bild, das mich bis heute begleitet. Oben sitzen Menschen im Cockpit. Sie entscheiden und kontrollieren. Unten müssen andere funktionieren.
Dieses Bild kommt mir inzwischen auch bei politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in den Sinn. Wenn sich große private Vermögen, mächtige Technologieunternehmen und Regierungsmacht annähern, werde ich unruhig.
Wer bestimmt dann die Bedingungen unseres Lebens? Wer kann widersprechen? Und wer kontrolliert diejenigen, die immer mehr kontrollieren können?
Technischer Fortschritt fasziniert mich. Zugleich möchte ich wissen, wem er dient und wer über seinen Einsatz entscheidet. Freiheit muss auch für Menschen gelten, die wenig Geld und keinen Einfluss haben.
Was mich besonders erschreckt
Mein Eindruck ist, dass wirtschaftliche Interessen und politische Härte immer unverhohlener als Stärke präsentiert werden. Als wäre Rücksicht eine Schwäche. Als müsste man sich für Widersprüche zwischen Menschenrechten und guten Geschäften kaum noch erklären.
Ihr könnt dieser Einschätzung widersprechen. Mich beschäftigt die Frage, ob wir uns gerade an Dinge gewöhnen, die wir früher nicht akzeptiert hätten.
Ich möchte darüber sprechen, bevor aus Gewöhnung Gleichgültigkeit wird.
Dabei will ich auch meine eigenen Überzeugungen hinterfragen. Meine Erfahrungen prägen meinen Blick. Verletzungen und blinde Flecken können ihn begrenzen. Das gehört für mich zu einer ehrlichen Auseinandersetzung dazu.

Warum ich diese Reihe beginne
Ich möchte meine Gedanken teilen und eure hören.
Chapati bedeutet mir viel, weil durch die Arbeit Begegnungen entstanden sind. Daraus kann auch ein Raum für Gespräche wachsen. Hier, digital, über Grenzen hinweg.
Ihr müsst meine politische Meinung nicht teilen, um dazuzugehören. Ich wünsche mir Menschen, die zuhören und widersprechen können, ohne die Würde des anderen anzutasten.
Vielleicht lest ihr einen Gedanken und sagt, genau das beschäftigt mich auch. Vielleicht sagt ihr, Hamid, da liegst du falsch. Beides kann der Anfang eines guten Gesprächs sein.
In den nächsten Folgen erzähle ich mehr von meinem Weg. Ich werde konkrete Entwicklungen aufgreifen und erklären, welche Schlüsse ich daraus ziehe. Wo ich Tatsachen anführe, sollen sie überprüfbar sein. Wo ich vermute, soll das erkennbar bleiben.
Meine Hoffnung ist, dass wir im Austausch Möglichkeiten finden, demokratisch und ohne Gewalt Einfluss zu nehmen. Und einander dabei weniger allein zu lassen.
Wenn ihr diesen Austausch mitgestalten möchtet, seid ihr eingeladen. Eure Gegenmeinungen gehören dazu.
Welche Entwicklung macht euch im Moment am meisten Sorgen und was gibt euch trotzdem Hoffnung?
Schreibt mir über die Kontaktseite. Nennt im Betreff bitte „Zwischen den Fäden · Folge 1“.
Diese Geschichte geht weiter
Dieser Beitrag ist der Auftakt von „Zwischen den Fäden“. In den kommenden Wochen möchte ich mit euch darüber sprechen, wie persönliche Freiheit und große Machtfragen zusammenhängen. Wie viel Einfluss haben wir auf unser eigenes Leben? Und was geschieht, wenn andere immer mehr über uns entscheiden können?
Folge 2 · Mein eigenes Brot. Mein eigener Weg. Ich erzähle von meinem Großvater und meinem Weg über Ausbildung und Indien zur Mode. Dazu gehört das Festivalfoto mit meinem Sohn Younes an unserem Chapati-Stand.
Folge 3 · Wer sitzt im Cockpit? Ausgehend von meinen Reiseeindrücken frage ich, wer Entscheidungen trifft und wer funktionieren muss. Dabei geht es auch um die Grenze zwischen technischer Unterstützung und Kontrolle.
Folge 4 · Wenn rote Linien verschwinden. Was geschieht, wenn Menschenrechte und wirtschaftliche Interessen aufeinandertreffen? Ich möchte darüber sprechen, wie wir auf politische Gewalt reagieren und woran wir uns nicht gewöhnen sollten.
Folge 5 · Wenn Geld und Regierungsmacht zusammenrücken. Hier möchte ich konkrete Verbindungen zwischen Technologieunternehmen, Investoren und Politik untersuchen. Auch Peter Thiel und Sebastian Kurz werden Thema sein. Welche Geschäftsbeziehungen lassen sich belegen? Welche Schlüsse tragen die Fakten? Und welche Fragen bleiben offen?
Folge 6 · 25 Jahre nur Frauen an der Macht? Ein zugespitztes Gedankenexperiment. Würde sich Politik verändern? Welche Rolle spielt Fürsorge? Und warum hängt gute Führung nicht allein vom Geschlecht ab?
Folge 7 · Was können wir gemeinsam bewegen? Ich möchte mit euch nach Möglichkeiten suchen, demokratisch und ohne Gewalt Einfluss zu nehmen. Wie können aus einzelnen Sorgen gemeinsame Schritte werden?
Das sind die Themen, mit denen ich diese Reihe beginnen möchte. Eure Fragen können neue Perspektiven und weitere Folgen anstoßen. Wo ich Tatsachen anführe, sollen sie überprüfbar sein. Meine persönlichen Einschätzungen bleiben als solche erkennbar.
In der nächsten Folge beginnen wir bei meinem eigenen Weg. Weitere Folgen erscheinen hier in den kommenden Wochen. Ich freue mich, wenn ihr wieder mitlest und mitdiskutiert.
Hamid Mohammadi
Zwischen den Fäden · Hamids Blick auf die Welt
Diese persönliche Kolumne richtet sich auch an unsere Handelspartner. In der nächsten Folge erzähle ich, was mein Großvater mit meinem eigenen Weg und dem Namen Chapati zu tun hat.